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Gastfreundlich

Gastfreundlich
Veröffentlicht am Di., 23. Nov. 2021 04:00 Uhr
Impuls

jetzt endlich geht es wieder: Gäste empfangen.

Einen Tisch decken mit Blumen und schönem Geschirr, und sich auf Besuch freuen.

Ich bin dankbar, dass das wieder möglich ist – auch wenn die Pandemie eine weitere Runde dreht. Die meisten meiner Freundinnen und Familienmitglieder sind geimpft oder genesen – und wenn nicht, dann testen sie sich.

In der Bibel gibt es eine wunderschöne Erinnerung daran, wie gut es tut, Gäste zu haben. Dort es heißt: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ (Hebr 13,2)

Für mich gehört Gastfreundschaft nicht nur zum guten Ton. Sie ist ein wichtiger Teil von mir selbst, denn ich habe Gastfreundschaft von klein auf inhaliert.

Ich bin in Dresden aufgewachsen, bis zur zweiten Klasse in der DDR, dann kam die friedliche Revolution und Wiedervereinigung. Wir hatten oft Besuch. Es gab zwar kein extra Gästezimmer, aber ein ausziehbares Bett. Schulfreundinnen konnten spontan übernachten, der Schlafsack lag griffbereit im Schrank und irgendwo hat sich immer auch eine frische Zahnbürste gefunden.

Besonders toll war für uns Kinder, wenn Besuch aus dem Westen kam.

Mein Bruder und ich lagen auf einer kleinen Mauer vor unserem Haus auf der Lauer und warteten ungeduldig bis endlich der VW-Bus unserer Freunde vorfuhr. Das war eine Attraktion für die ganze Straße!

Und wenn Besuche nicht möglich waren, dann gab es zu DDR-Zeiten noch diese großartige Weise, miteinander verbunden zu sein: Das waren die Pakete.

Gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit erinnere ich mich gern daran!

Wenn ein Westpaket bei uns ankam, dann war das wie ein heiliger Moment. Feierlich knüpften wir die Paketschnur auf. (Meine Mutter rollte sie immer erst sorgfältig zusammen, bevor wir das Paket ganz aufmachen durften.) Und dann kam mir da eine Wolke eines unbeschreiblichen Dufts entgegen: eine Mischung von Kakao, Waschpulver und Schokolade. – Und auch wir haben Pakete geschickt. Der Begriff „Ostpakete“ hat zwar nie Eingang in das kollektive Gedächtnis gefunden. Aber auch wir schickten Leckereien zu unseren Freunden und Verwandten in den Westen: Den selbstgebackenen Dresdner Stollen oder eine ungarische Salami. Und manchmal sogar Holzfiguren aus dem Erzgebirge: Engel mit hauchdünnen Holzflügeln und zart geschnitzten Gesichtern.

Diese Weihnachtsengel waren sehr beliebt und schwer zu kriegen. Im DDR-Jargon hießen sie „geflügelte Jahresendfiguren“. Denn das Wort Engel war für die atheistische Ausrichtung der DDR zu religiös.

Im christlichen Sinn ist ein Engel ein Bote Gottes: ein Zeichen der Liebe und der Mitmenschlichkeit. Ich finde die Vorstellung heute noch schön: Ein handgeschnitzter Engel aus dem Erzgebirge wurde gut verpackt im Westpaket per Post über die scharf kontrollierte Grenze geschickt. Das zeigt mir: Die Pakete zwischen Ost und West waren mehr als der Austausch von Gütern und Waren. Es waren Geschenke der Freundschaft und Verbundenheit. Ein Zeichen der Gastfreundschaft, auch wenn ein direkter Besuch nicht möglich war.

Benedikt von Nursia, der im 5. Jh. n Chr. lebte und den Benediktinerordnen gründete, hat in einem kurzen Satz beschrieben, weshalb Gastfreundschaft wichtig ist: „Im Gast kommt Christus!“ Nach dieser Regel leben die Benediktiner bis heute. Und auch als evangelische Christin nehme ich mir diesen Satz gern zu Herzen. Ich füge dabei zur 2G- und der 3G-Regel der Pandemie noch die 4G-Regel hinzu. G wie gastfreundlich.

Gastfreundlich und offen möchte ich mein Haus gestalten.

Gastfreundlich möchte ich Menschen begegnen, die hier in Frankfurt auf der Suche nach einem zu Hause sind.

Gastfreundlich wünsche ich mir die Hoffnungsgemeinde, als Oase zum Aufatmen im Trubel des Alltags.

Ich glaube fest: Wenn wir unsere Häuser öffnen und die Türen der Kirche aufmachen, dann können wir spüren, wie Christus zu Gast bei uns ist, wie Gott unter uns wohnt.

 

Ich wünsche Ihnen viele gastfreundliche Stunden in der Advents- und Weihnachtszeit und ein gesegnetes Jahr 2022!


Ihre Pfarrerin 

Annegreth Schilling