Meine Hoffnungsgeschichte

Meine Hoffnungsgeschichte
Veröffentlicht am Mo., 14. Sep. 2020 15:14 Uhr
Gemeindebrief

Eine der wohl interessantesten Geschichten, die ich als Kind las, stand in einem großen roten Buch. Es war eine Kinderbibel, ich hatte sie mir nicht gewünscht, gelesen habe ich sie dennoch, so wie alle anderen 

Bücher, die ich in die Finger bekam. Die Seiten waren gefüllt mit Geschichten, die selbst in kindlicher Sprache und bunten Bildern noch grausam anmuteten. Und dennoch gab es nur eine Geschichte, die mich wirklich aufwühlte. Es war die Geschichte von Mose. 

Die Erzählung brachte mit, was auch heute noch viele gute Blockbuster im Kino mitbringen: die langwierige Entwicklung eines Menschen, Widerstände, die überwunden werden, ein nahender Tod und immer ein Ziel, für das es lohnt, alles zu geben. Und am Ende? Für gewöhnlich erreicht der Held der Geschichte sein lang ersehntes Ziel, am besten mit einer Träne im Auge. In einem Film wäre das der Moment, in dem die Kamera herauszoomt. Doch in der Geschichte von Mose passierte das nicht. Zwar bin ich nicht mehr im Besitz der alten Kinderbibel, doch weiß ich genau, welches Bild auf der letzten Seite stand, auf der Mose auftauchte. Er wurde von hinten gezeichnet, man konnte einen Holzstab in seiner Hand erkennen, und er trug einen langen weißen Bart, er war ein alter Mann geworden im Verlauf der Erzählung.

Mose blickte von einem Berg hinab in das Land, in das er sein Volk, die Israeliten, aus der Wüste geführt hatte. „Endlich!“, dachte ich damals. Jetzt wird er endlich belohnt. Schließlich hatte er schon eine ganze Menge durchgemacht. Aber nein, stattdessen erblickte Mose das Land, in dem Milch und Honig fließen - und starb daraufhin. Er ist einfach nur gestorben! Das war der Moment, in dem mich nichts mehr hielt und ich weinte. Vor Trauer, weil der Held, der mich die letzten Abende in den Schlaf begleitet hatte, gestorben war. Aber auch vor Wut. Keine Geschichte aus der Bibel erzürnte mich damals so sehr. Warum nur, dachte ich, warum nur hat Gott Mose sterben lassen, bevor er das gelobte Land sehen konnte? Ich konnte nicht fassen, wie unfair Gott diesem Mann gegenüber war.

Er wurde mit trügerischen Absichten durch die Wüste geschickt, so dachte ich damals. Mit der Aussicht auf ein Land, das seine neue Heimat werden sollte. Und was er nicht alles durchmachte. Gefunden in einem Schilfkasten im Nil wurde er als Baby herausgezogen. Seine Kindheit und seine Jugend verbrachte er dann auf dem Hof des Pharao. Ein steiler Aufstieg. Mose lebte ein gutes Leben, warum sollte er also aus Ägypten überhaupt weg, aus seiner Heimat? Der Grund war sein Volk, die Israeliten. Sie litten unter dem Pharao, unter den Ägyptern. Er war wütend. Aus Wut tötete Mose sogar einen Aufseher, der einen Israeliten schlecht behandelte. 

Später sah Mose in der Wüste einen brennenden 

Dornenbusch, durch den Gott mit ihm sprach und der ihm auftrug, die Israeliten aus Ägypten zu führen in das gelobte Land, das heutige Israel/Palästina. Wenn heute einer solch eine Geschichte erzählen würde, würde man ihm auf die Schulter klopfen und sagen: Du bist wohl ganz schön dehydriert und fantasierst etwas. Doch die Geschichte nahm immer noch an Fahrt auf. Mose musste schließlich noch den Pharao überzeugen, sein Volk ziehen zu lassen. Der wollte das, wen würde es wundern, natürlich nicht. Und nun ließ Gott zehn grausame Plagen über die Ägypter herziehen, Heuschrecken, Finsternis, Hagel und noch viele mehr. Besonders schrecklich war aber die letzte, die Tötung der erstgeborenen ägyptischen Jungen. 

Am Ende ließ der Pharao die Israeliten ziehen. Vierzig Jahre soll Mose dann mit seinem Volk durch die Wüste gewandert sein, kurz vor dem Hungertod, am Rande der Erschöpfung, kurz vor dem Verlust ihres Glaubens. Und immer schaffte er es, sein Volk vor dem Aufgeben zu bewahren. 

Es waren qualvolle und frustvolle Jahre. Ich frage mich, ob er jemals daran dachte, aufzugeben. Hätte er es getan, ich hätte es ihm nicht verübelt. Denn wacker kämpfte sich der Held des Alten Testaments durch und erreichte am Ende sein Ziel doch nicht.

Immer noch wird darüber debattiert, ob es Mose wirklich gab und die Geschichten in der Form stattgefunden haben, wie sie aufgeschrieben wurden. Ich persönlich glaube nur einen Bruchteil davon. Mitgenommen und tief berührt hat mich die Erzählung von Mose dennoch. Das lag daran, dass die Geschichte von einer ureigenen Angst erzählt, der Furcht zu scheitern. Alles zu geben, Hürden zu überwinden, zu wachsen, kurz davor zu sein, aufzugeben und dennoch weiterzumachen – und am Ende das Ziel nicht zu erreichen. Es grenzt an Zynismus zu sagen, der Weg ist das Ziel. Vielmehr ist wichtig, für die Dinge einzutreten, die von Bedeutung sind und sich dafür einzusetzen, auch wenn man die eigenen Früchte nicht mehr selbst ernten kann. 

Auch heute ist gerade das schwierig, nicht nur sich selbst und das eigene Leben, oder den kurzfristigen Profit im Blick zu haben, sondern an künftige Generationen zu denken und sich für sie einzusetzen, auch wenn man das Resultat im eigenen Leben vielleicht nicht mehr mitbekommt. 

Das ist eine Hoffnung, die weiß, dass es viele kleine Rückschläge gibt. Eine Hoffnung, die wie die Kamera im Film auf Weitwinkel geht und das große Bild sehen lässt.

Ich schätze, Mose wusste das. Manchmal wünsche ich mir das. Vielleicht wäre ich damals dann auch weniger wütend gewesen, aber nur vielleicht.

Antonia Mannweiler