Hoffnungszeichen im Bahnhofsviertel

Hoffnungszeichen im Bahnhofsviertel
Veröffentlicht am Di., 1. Sep. 2020 13:31 Uhr
Gemeindebrief

Wenn ich aus dem Westend die Mainzer Landstraße überquere, betrete ich jedes Mal einen anderen Kosmos. Aus der Westendstraße wird die Moselstraße, eine Ampel nur trennt eine scheinbar heile Welt von einer Welt am Abgrund des Menschseins.

Viele Berichte waren in letzter Zeit über das Bahnhofsviertel zu lesen: darüber, wie sich die Lage dort für Menschen ohne festen Wohnsitz in der Corona-Zeit drastisch verschlechtert hat. Ich sehe Menschengruppen an den Ecken, viele von ihnen kaputt vom Leben auf der Straße. Manche sitzen im Hauseingang und starren vor sich hin. Einzelne laufen mir - mal zielgerichtet, mal torkelnd - entgegen, drehen wieder um, bleiben an der nächsten Ecke stehen, bevor sie weiterziehen. Als neue Pfarrerin in der Hoffnungsgemeinde sehe ich dieses Leben auf der Straße. Es beschäftigt mich seit Beginn meines Dienstes im März 2020. Und ich frage mich, wie wir dieser Armut in unserem Gemeindegebiet begegnen, wie wir Kirche in diesem Spagat zwischen reich und arm gestalten können. Und ich suche nach Hoffnungszeichen in einem durch die Pandemie gezeichneten Stadtviertel.

Zuerst denke ich an diakonische Hilfe: Wie können wir Menschen in schweren Lebenslagen, als Wohnsitzlose oder als Drogenabhängige, beistehen? „Weser5“ ist im Bahnhofsviertel eine wichtige Anlaufstelle für Menschen in Not. In der Zeit des Corona-Lockdowns war diese Einrichtung der Diakonie trotzdem geöffnet, wenn auch im eingeschränkten Betrieb. Als Hoffnungsgemeinde haben wir uns im kleinen Rahmen dort eingebracht und in Absprache mit dem Leiter von Weser5, Jürgen Mühlfeld, an drei Wochenenden belegte Brote geschmiert und Lunchpakete gepackt. Helfende Hände für 200 Lunchpakete pro Tag wurden schnell gefunden. Und dank der guten 

Organisation und verlässlichen Durchführung konnten wir in einer prekären Situation ein wenig helfen. Das war für mich ein kleines Hoffnungszeichen in dunkler Zeit.

Mit Viola Beuscher, einer jungen Keramikerin in der Taunusstraße, habe ich kürzlich über die angespannte Lage in ihrem Viertel gesprochen. Sie hat in den vergangenen Monaten bei offenem Fenster die Schreie gehört von den Menschen auf der Straße: „Die hatten einfach nur Hunger.“, erzählt mir die freischaffende Künstlerin. Von daher habe sie wenig Verständnis dafür, wenn private Hilfsinitiativen rückblickend schlecht gemacht würden. „Im Bahnhofsviertel hilft man sich gegenseitig.“ Das kenne sie aus eigener Erfahrung, wenn ihr Nachbarn helfen, den schweren Ton für die Töpferware in den ersten Stock ihres Keramikstudios zu tragen. Nur so, eben als Nachbarschaftshilfe, habe sie es verstanden, dass Menschen im Lockdown anderen Brote geschmiert hätten. Sie findet es nicht fair, den Helfenden anzulasten, dass es jetzt an vielen Stellen nach Urin stinke. Über die derzeitige Lage sei sie sehr traurig, sagt sie mir. Wie es weiter gehe, könne niemand sagen.

Die Begegnung mit dieser Keramikerin war für mich ein Hoffnungszeichen im Bahnhofsviertel. Eine Künstlerin, die mit Herz und Seele im Bahnhofsviertel arbeitet und die ein Händchen dafür hat, Dinge zu gestalten. Schwere Tonbrocken verwandelt sie mit ihren Händen in Vasen, Teller, Becher und Schüsseln. Aus dem Gespräch mit ihr nehme ich Zuversicht mit. Menschen helfen sich, und daraus kann etwas Neues, Gutes und Lebenswertes entstehen. Und ich überlege, wie wir auch jenseits der dringend benötigten diakonischen Hilfe präsent und kreativ sein können im Bahnhofsviertel.

Ich erinnere mich an den ökumenischen Neujahrsempfang im Januar diesen Jahres in der Alten Textilwerkstatt, ebenfalls in der Taunusstraße. Auf dem Weg dorthin lief ich an einem Paar vorbei, das die Nacht auf der Straße verbracht hatte. „Guten Morgen“, sagte ich und lief weiter. „Hey“, rief der Mann hinter mir her. „Danke, dass du uns einen guten Morgen gewünscht hast.“ Ich drehte mich um und freute mich, dass er es gehört hatte. Dann rief er mir nach: „Und wenn du lächelst, siehst du noch schöner aus.“ Ein Kompliment hatte ich an diesem Morgen an dieser Stelle wohl am wenigsten erwartet.

So kann es zugehen im Bahnhofsviertel. Immer wieder senden hier Hoffnungszeichen ihre Signale aus. Sie decken die Armut, das Elend, das offene Leid der vielen Menschen auf der Straße nicht zu. Aber sie helfen uns, das Leben dort wahrzunehmen, die Sinne zu schärfen, Vorurteile abzubauen, die Not der Menschen zu sehen und uns selbst als Teil des Ganzen zu begreifen. 

Für einen sozialen und politischen Wandel gibt es keine einfachen Lösungen. Aber es braucht Empathie, Kreativität und politischen Willen, um an der jetzigen Situation etwas zu ändern. Als Hoffnungsgemeinde können wir uns hier auch einbringen, diakonisch, aber auch geistlich und spirituell.

Meine Spurensuche im Bahnhofsviertel hat mit den Hoffnungszeichen begonnen. Haben Sie selbst welche erlebt? 

Schreiben Sie mir, wie Sie das Bahnhofsviertel wahrnehmen und was Ihnen Hoffnung schenkt an: 

a.schilling@ev-hoffnungsgemeinde.de


Pfarrerin Dr. Annegreth Schilling