Auf einmal haben alle Spaß am Wandern

Auf einmal haben alle Spaß am Wandern
Veröffentlicht am Do., 18. Jun. 2020 10:38 Uhr
Gemeindebrief

Interview mit zwei berufstätigen Müttern aus unserer Gemeinde

In Corona-Zeiten liegt viel Last auf den Schultern von Frauen. Das Rad der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern scheint sich wieder rückwärts zu drehen. 

Denn die Doppelbelastung, zu arbeiten und für die Familie da zu sein, wird in dieser Krisen-Zeit für berufstätige Frauen überdeutlich. Wir haben mit zwei jungen Frauen aus unserer Gemeinde über die „Ent-Spannung“ in Corona-Zeiten gesprochen.

Was ist für Euch entspannend?

Dorothee Petermann: Entspannend finde ich, dass ich nicht nach Terminen lebe und quasi ohne Uhr meinen Tag leben kann. Ich habe viel Zeit, mit den Kindern den Tag zu gestalten, und kann viel besser auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Lydia Schilchegger: Für mich ist der Weg in die Natur entspannend. Radfahren, wandern, Steine werfen, über Wiesen schlendern. Einfach raus aus der Stadt. Bei einem unserer letzten Spaziergänge ist mir aufgefallen, dass ich noch nie so viele Menschen an Pferdekoppeln hab stehen sehen. Die nehmen sich wie wir einfach Zeit und schauen zu, wie die Pferde grasen oder galoppieren. Ich habe den Eindruck, dass Menschen viel bewusster leben. Und das stimmt auch für uns als Familie.

Wo gibt es Spannungen?

DP: Wenn mein Mann sich im Büro zu Hause einschließt und ich die einzige Ansprechpartnerin für unsere drei Kinder bin, dann führt das manchmal zu Spannungen. Denn ich versuche ja auch, was aufzuarbeiten, im Haushalt oder auch für die Arbeit. Und wenn mich dann alle 5 Minuten jemand von den Kindern sprechen möchte, ist das sehr anstrengend.

LS: So empfinde ich das auch. Wenn das Kind sehr aufmerksamkeitsbedürftig ist und die Eltern Ruhe brauchen zum Arbeiten, dann schafft das Spannungen. Glücklicherweise war in den letzten Wochen das Wetter so schön, das hat sehr geholfen. Aber wenn das Wetter schlecht ist, dann steigt bei allen die Anspannung. 

Was spannt Dich an bzw. was treibt Dich um?

DP: Als Lehrerin fehlen mir die Unterhaltungen mit meinen Schülerinnen und Schülern. Bei manchen von ihnen mache ich mir Sorgen, dass sie zu Hause nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekommen. Ich denke, dass ich gerade diesen Kindern als Ansprechpartnerin fehle. Da fragt niemand: Wie geht es Dir heute? Hast du ein leckeres Pausenbrot dabei?

LS: Anspannend finde ich die Ungewissheit, dass wir nicht wissen, wie lange dieser Zustand noch andauern wird. Ich komme aus Österreich und frage mich: Wann sind die Grenzen wieder offen und wann kann ich endlich meine Familie wiedersehen? 

Kommt es wieder zu einer Normalität oder muss man sich mit etwas anderem anfreunden? Wird es eine zweite Infektionswelle geben? Geben wir Persönlichkeitsrechte auf, wenn wir beim Frisör „getrackt“ werden? All das schafft Unsicherheit und ist sehr anspannend.

Was findet Ihr als Familie in diesen Zeiten spannend?

DP: Wir haben verschiedene Outdoor Apps und machen ganz viele Ausflüge in Frankfurt und in der Umgebung. Mit den Kindern haben wir schon tolle Wanderungen in den Taunus unternommen und viele Wege kennengelernt. Auf einmal haben alle Spaß am Wandern, selbst die, die eher lauffaul sind. Unser ältester Sohn ist in der 1. Klasse und kann schon lesen. Es ist spannend zu sehen, wie schnell das jetzt geht. In der Corona-Zeit hat er schon 8 Bücher gelesen!

LS: Spannend ist für uns, dass wir merken: Es geht auch ohne Cafés, ohne Frisör, auch ohne tagtägliches Einkaufen, ohne Shoppen auf der Zeil. Auch ohne Wochenendtrips. Es ist kein trauriges Leben. Das verändert uns und wir hinterfragen unser Konsumverhalten viel mehr als früher. Alles, wovon man glaubt, dass man es braucht, ist doch nicht wirklich notwendig. Dieses Umdenken finde ich spannend. Ich brauche nicht viel: Wichtig sind mir mein Mann, mein Kind und die Natur. Die Videoandachten sonntags. Und natürlich gutes selbstgekochtes Essen.

Vielen Dank für dieses Interview.

Dr. Annegreth Schilling