Todesangst und Lebensfreude

© Gisela Brackert
Veröffentlicht am Do., 18. Jun. 2020 09:41 Uhr
Gemeindebrief

Es gibt Erfahrungen, die kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Und auch nicht aus der Seele. Bei mir, Jahrgang 1937, sind das Erinnerungen an den Bombenkrieg.

Der konzentrierte sich zunächst auf das Ruhrgebiet – und wir lebten zu dieser Zeit in Essen, das mit der Firma Krupp als die Waffenschmiede des Deutschen Reiches galt.

Damals, man schrieb das Jahr 1943, habe ich gelernt in zwei Welten zu leben: voll Angst im Luftschutzkeller - und voll Neugier auf ein Leben, in dem Luftschutzkeller keine Rolle spielen.

Es waren die Erzählungen meiner Mutter, die von einem solchen Leben zeugten. Sie handelten vom Skifahren im Riesengebirge, von den wunderbaren Gärten Englands und von den Umständen, unter denen sie meinen Vater kennen gelernt hatte … Erzählungen, in denen Luftschutzkeller keine Rolle spielten.

Das eindrucksvollste Beispiel für die Wechselwirkung zwischen Anspannung und Entspannung erlebte ich mit einer befreundeten Lehrerfamilie. Sie war, nach einem schweren Angriff, telefonisch nicht erreichbar. Das beunruhigte meine Mutter und sie beschloss, sich auf den Weg zu machen und selbst nachzuschauen, ob bei den Freunden noch alles in Ordnung war. Ich, als die Älteste unserer Kinderschar, durfte mitkommen.

Der Stadt war anzusehen, dass sie einen Angriff hinter sich hatte. Häuser, denen die Hälfte fehlte, deren Dach abgedeckt, deren Fenster zersprungen waren, säumten unseren Weg. Das Haus der Freunde war einzelstehend und lag in einem Garten. Als wir es erreichten, bot sich uns ein ungewöhnlicher Anblick: Das Dach war zur Hälfte abgedeckt und das Ehepaar Meinhold hockte auf den Sparre und versuchte, es wieder zu flicken.

Als sie uns sahen, winkten sie und schwenkten dabei eine Flasche Wein. „Kommt, darauf müssen wir anstoßen“, rief der Lehrer Meinhold von seinem Dach herunter. „Wir sind am Leben – und das ist das einzige, was zählt.“ Diese Erfahrung, dass nach überstandener Anspannung die Lebensfreude, die Entspannung, überschießend zurückkehrt, scheint zu unserem genetischen Code zu gehören.

Das lässt sich auch jetzt wieder bei der Corona-Pandemie beobachten. Unvergessen sind die Bilder aus dem schwer heimgesuchten Italien: wie die Menschen in den Fenstern stehen und sich Mut zusingen: tutto andra bene.

Alles wird gut. Darauf hoffen wir.

Von Gisela Brackert

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