Beflügelt von der Kraft des Heiligen Geistes

Beflügelt von der Kraft des Heiligen Geistes
Veröffentlicht am Do., 18. Jun. 2020 09:17 Uhr
Gemeindebrief

Liebe Gemeinde,

in diesen Zeiten fühle ich mich oft an meine Ausbildung zur Pfarrerin erinnert. Das ist ja noch nicht so lange her, und ich erinnere mich gut, dass wir oft Rollenspiele einüben mussten. Für diese Corona-Zeit hätte die Aufgabenstellung etwa so gelautet:

„Stellen Sie sich vor, sie müssen einen Gottesdienst vorbereiten, an dem im Kirchenraum niemand teilnehmen darf. Sie haben 15-20 Minuten Zeit. Ihnen stehen ein Kirchenmusiker und ein Handy für die Aufnahme zu Verfügung.“

Ein Rollenspiel, das Wirklichkeit geworden ist! Ich bin erstaunt, wie viel Kreativität sich in den vergangenen Wochen freigesetzt hat. Und zwar nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt. Wer sich in den sozialen Medien umsieht, entdeckt, dass Kirchen überall auf der Welt angefangen haben, Gottesdienste ins Internet zu verlegen und Videoandachten aufzuzeichnen oder Gottesdienste live zu übertragen.

Das ist die eine Seite: Corona verleiht unserem analogen und manchmal trägen Gottesdienstleben digitale Flügel. Und breitet sich aus, über die Grenzen unserer Gemeinde und unserer Stadt, in alle Welt. Dabei wird mir allerdings schmerzlich bewusst: Corona trennt Menschen. Nicht nur reell an den Türen von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, sondern auch virtuell: Da gibt es die „Digital-Natives“, die sich ein Leben ohne Smartphone kaum vorstellen können, und diejenigen, die das Analoge über alles lieben und schätzen oder schlichtweg keinen Zugang zum Internet haben. Diese Trennung der Welten ist besonders für diejenigen, die sich nicht leichtfüßig in beiden Welten bewegen können, oft schmerzhaft. Sie führt das Abgeschnitten sein, vielleicht auch das Alleinsein noch stärker vor Augen als sonst.

Doch auch die andere Seite gibt es: Corona bringt Menschen zusammen. Denn auch außerhalb des Internets haben viele Christinnen und Christen ihre Sprache gefunden, um zu zeigen, dass wir Menschen miteinander im Glauben verbunden sind: Da läuten in unserer Stadt jeden Abend um 19.30 Uhr die Kirchenglocken zum Gebet, an Kirchentüren werden Wäscheleinen gespannt mit Trostworten zum Mitnehmen, Bläser spielen Choräle vom Kirchturm, Menschen werfen sich Grußkarten mit Trostworten in den Briefkasten.

Die andere Corona-Sprache ist analog. Mit ihr lernen wir unsere Nachbarn wirklich kennen, durch sie rücken wir näher zusammen und erleben soziale Nähe trotz körperlicher Distanz. Als Pfarrerin erlebe ich diese Zeit sehr bewusst durch die Lupe des Kirchenjahres. Während der Beginn der Corona-Zeit mitten in die Passionszeit fiel und mich daran erinnert hat, wie nah das Leiden uns plötzlich auf den Leib rückt, so sind wir nach vielen Wochen nun schon an Pfingsten angekommen. 

Dieses Fest wird in der Bibel in der Apostelgeschichte im Kapitel 2 als Fest des Heiligen Geistes beschrieben. Wie ein Brausen und wie ein gewaltiger Sturm kommt der Heilige Geist vom Himmel und erfüllt alle Menschen. Sie sprechen alle eine andere Sprache und können einander doch verstehen. Dieses Bild vom Heiligen Geist, der die Herzen der Menschen erfüllt, macht mir in diesen ungewissen Zeiten Mut: Egal, ob wir uns hauptsächlich im digitalen Raum aufhalten oder lieber analoge Wege gehen.

Ob wir allein leben und uns manchmal die Decke auf den Kopf zu fallen droht, oder ob wir zu fünft pausenlos mit anderen zusammengedrängt leben. Ob wir mit großen Sorgen durch diese Zeiten gehen, weil wir unsere Zukunftsperspektiven verloren haben, oder ob wir bisher von Sorgen verschont geblieben sind und weitgehend angstfrei leben. Die biblische Erzählung vom Pfingstwunder macht eins deutlich: Der Heilige Geist überwindet alle Schranken und führt Menschen in Gott zusammen. Keine Sprache trennt mehr, keine Lebensweise steht über der anderen. Alles steht vor Gott nebeneinander und wird beflügelt durch die Kraft des Heiligen Geistes. Welch ein Wunder! Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Geistkraft in diesen Tagen spüren und Sie sich mit Gott und der Gemeinschaft der Glaubenden auf der ganzen Welt verbunden fühlen, ganz gleich, ob digital oder analog.

Ihre Pfarrerin Dr. Annegreth Schilling