Wie wollen wir zusammen leben?

Wie wollen wir zusammen leben?
Veröffentlicht von Annegreth Schilling am So., 14. Jun. 2020 15:40 Uhr
Impuls

Predigt am Sonntag, 14. Juni 2020 über Apostelgeschichte 4, 32-37

von Pfarrerin Dr. Annegreth Schilling

Heute geht’s ums Ganze. Um Geld und noch mehr, liebe Gemeinde.

Eine biblische Utopie.

Liebeskommunismus, wird das manchmal genannt:

Allen ist alles gemeinsam.

Die Apostelgeschichte, aus der die Worte stammen, die wir eben in der Lesung gehört haben, ist ein großer Bericht über die Situation der ersten Christen. Sie berichtet von den Menschen, die Jesus nachgefolgt sind, Jüngerinnen und Jünger, Apostel und Apostelinnen. 

Die ersten Frauen und Männer, die sich zu Jesus bekannten, bildeten in Jerusalem die Urgemeinde, sozusagen die erste christliche Gemeinde überhaupt. 

Das wichtigste Kennzeichen der Urgemeinde ist die Gütergemeinschaft, d.h. alle teilen alles mit allen, verkaufen ihr Hab und Gut und stellen es der Gemeinschaft zu Verfügung.

Eine Sozialutopie.

Um es einordnen zu können, was damals vor sich ging: Die Frauen und Männer dieser Gemeinde nahmen an, dass Jesus zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Von daher war die Gütergemeinschaft ihre besondere Art der Nachfolge Jesu. Und: wie das Beispiel des Barnabas zeigt: in der Urgemeinde schien niemand dazu gezwungen zu werden, alles zu veräußern. Freiwillig haben einzelne (nie ist die Rede von allen!) ihren Grundbesitz verkauft, sozusagen als äußeres Zeichen für ihren inneren Lebenswandel.

Im Lauf der Kirchengeschichte haben sich immer wieder Menschen an diesem Beispiel der Urgemeinde gemessen und versucht, diesen Lebensstil für sich zu übernehmen. So sind viele Gemeinschaften und Kommunitäten entstanden, etwa die Kommunität der Brüder in Taizé in Frankreich oder auch hier in Hessen die Jesus Bruderschaft in Gnadenthal, um sich darin zu üben, materielle Güter miteinander zu teilen und darin Christus nachzufolgen.

Ganz sicher kein Lebensmodell für alle. Und ich würde mit Blick auf das Bibelwort aus der Apostelgeschichte sagen: Das ist es auch noch nie gewesen. Gütergemeinschaft ist ein hehres Ziel, und nur wenige können sich auf einen solchen Lebensstil einlassen.

Doch so leicht können wir uns nicht aus der Affäre ziehen. Denn die Rede von der Gütergemeinschaft der Urgemeinde fußt auf einer Grundfrage des christlichen Glaubens. Ich bringe das auf die einfache Frage: Wie wollen wir miteinander leben?

Oder christlich ausgedrückt: Worauf kommt es als Gemeinde in der Nachfolge Jesu an?

Tatsächlich ist hier der Blick auf die Urgemeinde hilfreich. An vielen Stellen in der Apostelgeschichte wird die Einmütigkeit unter den Menschen betont. Die Menschen waren „ein Herz und eine Seele“. Und das strahlte aus.

Einmütigkeit statt Kleinmut, füreinander da sein. Das habe viele von uns in den vergangenen Wochen gespürt, wie wichtig der Zusammenhalt in Krisenzeiten ist. Ich geh grad einkaufen, brauchst du noch was? Kinder sorgen sich neu um ihre Eltern als „Risikogruppe“, Eltern sorgen sich neu um ihre Kinder in der Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie.

In diesen vergangenen Wochen konnten wir an vielen Orten bei uns und in der Welt Spuren davon zu entdecken, was gemeint ist: zusammenzuleben, als Gemeinschaft ein Herz und eine Seele zu sein.

Doch es gibt immer auch die andere Seite. Denn wir haben noch nicht den Himmel auf Erden. Wie wollen wir miteinander leben?

In den USA erleben wir zur Zeit, wie lebensgefährlich das Ringen um diese Frage ist. Schwarze Menschen werden Opfer brutaler Polizeigewalt und ein weißer Präsident treibt einen immer größeren Keil in die ohnehin gespaltene Gesellschaft.

Vor 5 Jahren lebte ich für ein halbes Jahr in New York und hatte dort die Gelegenheit hautnah die Anfänge der Black Lives Matter Bewegung mitzuerleben. Zeitgleich begannen in meiner Heimatstadt Dresden die Montagsspaziergänge der Pegida.

Unterschiedlicher kann Protest auf der Straße nicht aussehen.

Ein Ringen um die Frage: Wie wollen wir miteinander leben?

Die biblische Erzählung über die Urgemeinde hält uns nicht die Lösung für unsere Probleme vor. Sondern sie berichtet darüber, wie damals unter den ersten Christinnen und Christen Solidarität geübt wurde.

An uns stellt das Bibelwort die Frage: Wie wollen wir miteinander leben? Konkret: Was sind die Güter, die du heute bereit bist mit anderen zu teilen? Großzügig und ohne nachzudenken?

Mir fällt als erstes das Grundgesetz ein. Als höchstes rechtsverbindliches Gut, auf das wir uns in unserem Zusammenleben in Deutschland geeinigt haben. 

In Artikel 3 heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Die Frage steht: Wie wollen wir miteinander leben? Die Antwort lautet für mich: Als Menschen, die einander in Respekt begegnen, die im anderen den Menschen sehen, als der sie oder er von Gott geschaffen wurde. Als Gottes Ebenbild. Da ist kein Platz für Hetze, kein Platz für Ausgrenzung oder Diskriminierung.

Als Vision für unser Zusammenleben halte ich mich gern an das Bild aus der christlichen Urgemeinde, die ein Herz und eine Seele war.

Ich glaube: Wenn es uns gelingt, als Christinnen und Christen für dieses hohe Gut einzustehen: einander in Liebe und Solidarität zu begegnen, dann wird das Himmelreich nahe sein. Dann lebt Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene, mitten unter uns.

 

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