Lebensleistungen würdigen

Lebensleistungen würdigen
Veröffentlicht am Mi., 26. Feb. 2020 14:01 Uhr
Gemeindebrief

Altenheimseelsorger Martin Haß fängt alte und pflegebedürftige Menschen auf und tut ihnen gut.

Früher war Karl Knoch (der in Wirklichkeit anders heißt) Metzger und konnte mit Leichtigkeit ein halbes Schwein wuchten, wie er sagt. Jetzt ist er 85 Jahre, lebt im Pflegeheim und hat an manchen Tagen nicht einmal genug Kraft, einen Löffel heben. Dann packt ihn die Verzweiflung. „Einmal hab ich ihm gesagt, es ist  in Ordnung, wenn Männer weinen“, erzählt Martin Haß, Altenheimseelsorger im Johanna Kirchner Altenhilfezentrum. „Das ist für Männer seiner Generation nicht selbstverständlich.“ 

„Warum bin ich so alt und so schwach?“, „Was soll ich denn noch hier?“, „Hat Gott mich verlassen?“ Das sind existenzielle Fragen, die Haß bei seinen Besuchen im Pflegeheim gestellt werden.

Dann nimmt er sich Zeit. Hört genau zu und fragt. Welchen Beruf sein Gegenüber hatte, ob es Kinder gibt oder andere nahe Angehörige. Er findet heraus, welche Lebenserfahrungen ein alter Mensch gemacht hat, und was er gerne tut. Sehr wichtig ist es ihm, Lebensleistungen zu würdigen und schöne Erinnerungen wachzurufen. „Ich denke gerade an eine alte Dame, die mir erzählt hat, wie sie in den 1930er Jahren ihren Führerschein gemacht hat und wie da plötzlich ihre Augen leuchteten. Das war ja damals nicht selbstverständlich für Frauen“, erzählt er. Haß ist dankbar, wenn Angehörige ihm etwas über die Seniorinnen und Senioren mitteilen. „Je mehr ich weiß, desto besser kann ich helfen. Selbst wenn Jemand bettlägerig und eingeschränkt ist, kann er meist noch irgendetwas tun, was ihm Freude macht.“ 

Die intensivsten Gespräche finden oft beim Einzug ins Heim statt oder wenn es auf das Ende zugeht. „Der Umzug hierher war doppelt schwer für mich“, erzählt Anna Musterfrau, 92 Jahre. Sie musste nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus und wäre danach nicht mehr in der Lage gewesen, sich alleine zu versorgen, geschweige denn, einen Umzug zu bewältigen. Nach der Reha wurde sie sofort ins Pflegeheim verlegt, ein Sozialdienst organisierte den Umzug. „Mit hat meine Wohnung gefehlt und meine Nachbarn. Mit Herrn Haß konnte ich darüber reden. Das hat schon sehr geholfen“, sagt sie. Herbert Mustermann hat 62 Jahre mit seiner Frau zusammengelebt. „Als sie vor drei Jahren starb, war ich wie amputiert“, erzählt er. „Aber Herr Hass hat mich immer wieder besucht.“

Was genau zwischen Seelsorger und Pflegeheim-

Bewohner besprochen wird, ist vertraulich. Das „Seelsorgegeheimnis“ verpflichtet Haß über alles zu schweigen, was ihm erzählt wird. „Ohne diesen geschützten Raum würde manches Gespräch wohl gar nicht zustande kommen“, sagt er. 

Haß hat Religionspädagogik studiert und bei einer Zusatzqualifikation zum Klinikseelsorger vor allem Gesprächsführung gelernt. Er hat zuerst im Krankenhaus gearbeitet, wollte dann aber doch lieber für alte Menschen da sein. „Das kommt  daher, dass ich ein sehr positives Verhältnis zu meinen Großeltern hatte“, sagt er. „Seitdem interessiert es mich, was alte Menschen erlebt und geleistet haben.“ 

Im Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrum leben 200 Menschen im Pflegeheim, 150 in Seniorenwohnungen. Haß führt die meisten Gespräche im Pflegeheim. Nicht nur mit Patienten, sondern auch mit Angehörigen und Pflegenden. „Ich bin zum Beispiel da, wenn erwachsene Kinder schockiert sind, weil die eigenen Eltern sie nicht mehr erkennen“, erzählt er. „Oder wenn eine junge Pflegende zum ersten Mal ins Zimmer eines Verstorbenen gehen muss.“ 

Haß arbeitet jetzt seit zehn Jahren vor Ort: „Ich habe mich hier von Anfang an wohl gefühlt“, erzählt er. Das liege auch daran, dass das Zentrum zwar von der nicht-kirchlichen Arbeiterwohlfahrt (AWO) betrieben werde, ein kirchlicher Seelsorger aber schon seit den 1980er Jahren fest im Haus etabliert und willkommen sei.    

Haß wiederum hat sich bewusst für einen kirchlichen Arbeitgeber entschieden. „Mein Glaube trägt mich“, sagt er. „Und dafür haben die alten Menschen feine Antennen. Sie spüren genau, ob man seinen Glauben lebt oder nicht.“ 

Zusammen mit Pfarrerin oder Pfarrer der evangelischen Hoffnungsgemeinde lädt Haß zweimal im Monat am Freitagnachmittag zu einen Gottesdienst im Altenzentrum ein. Einmal im Monat findet eine katholische Messe statt. „Die Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden ist sehr vertrauensvoll“, sagt der 48-jährige Seelsorger. Der ehrenamtliche Besuchsdienst, für den er auch Ansprechpartner ist, hilft ihm, Menschen aus dem Pflegeheim, die selbst nicht mehr gehen können, zum Gottesdienst zu bringen. 

Zu Haß Aufgaben gehört es auch, Ausflüge mit zu organisieren und eine Gruppe Bewohner etwa auf den Weihnachtsmarkt oder in die neue Altstadt zu begleiten. „Viele unserer Bewohner kennen noch die alte Altstadt – so wie sie vor dem Krieg aussah“, erzählt er. 

Die meisten Menschen, die jetzt ins Pflegeheim kommen, sind von Anfang an viel gebrechlicher als in früheren Jahren, sagt Haß. Und es sind mehr Männer darunter. Im zweiten Weltkrieg mussten viele Männer ihr Leben lassen, die Frauen blieben alleine. Aber die Männer der nachfolgenden Generationen werden alt. „Und deshalb ist es gut, dass ich auch ein Mann bin“, sagt er. „Einer Frau würden viele Männer so Manches sicher nicht erzählen.“

Und was macht ein Altenheimseelsorger, wenn er selbst einmal Rat braucht? Haß ist gut vernetzt. Er trifft sich vierteljährlich mit seinen drei hauptamtlichen Kolleginnen und ist im Vorstand der Altenheimseelsorge in der Evangelischen Kirche Hessen/Nassau. Wichtig ist ihm auch die Trennung zwischen Beruf und Privatleben. „Wenn ich im Johanna-Kirchner bin, bin ich voll da, aber am Feierabend und am Wochenende lebe ich ganz an meinem Heimatort – Schwalbach im Taunus.“

Stephanie von Selchow



Es gibt vier hauptamtliche Altenheimseelsorger in Frankfurt, die mit halber oder ganzer Stelle in Alteneinrichtungen arbeiten: 

Diplom Religionspädagoge Martin Haß im Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrum; Diplom Religionspädagogin Sibylle Schöndorf-Bastian, interkulturelles Altenhilfezentrum Victor-Gollancz-Haus; Pfarrerin Silke Peters, Haus Saalburg; Pfarrerin Melanie Lohwasser, Henry und Emma Budge-Stiftung

In Offenbach: 

Sabine Schäfer, evangelische Gemeindepädagogin, Anni-Emmerling-Haus, Elisabeth-Maas-Haus

Es gehört zum Dienstauftrag von Pfarrern und Pfarrerinnen, sich um alte Menschen zu kümmern. Viele halten Gottesdienste in den Alten- und Pflegeheimen ihrer Gemeinden, machen Besuche und organisieren ehrenamtliche Besuchsdienste.