Meine Nachbarn

© A. Klein
Veröffentlicht am Mi., 26. Feb. 2020 13:44 Uhr
Gemeindebrief

Wie sind wir bloß auf dieses Heft-Thema gekommen? Nun, es ist so naheliegend, so täglich, alltäglich: Wir grüßen uns flüchtig, manchmal nur ein Nicken, wir kennen uns schon ziemlich lange, auch die Marotten. Es gibt wunderbare Nachbarn, die gießen die Blumen, die nehmen zur Not mal den Hund, die würden bei uns Zucker und Eier ausleihen und wären gern zur Revanche bereit. 

Es gibt aber auch die anderen Nachbarn, die – wenn die Enkelkinder zu Besuch sind und herumtoben – mit dem Besen von unten an die Decke klopfen. Nachbarn sind also persönliche Trainer unserer Geduld, Toleranz und unseres Mitgefühls. Könnte man eigentlich das bekannte biblische Gebot auch so übersetzen: „Liebe deinen Nachbarn wie dich selbst!“? Natürlich, wer sonst sollte dieser „Nächste“ denn sein, von dem die Rede ist, wenn nicht mein Nachbar, meine Nachbarin.

Nachbarn sind wie Geschwister – man kann sie sich nicht aussuchen! Eines Tages kommt der Umzugswagen und dann sind sie schon da, bringen einen Hund, Kinder und ein Klavier mit und die schöne Ruhe ist dahin. Und immer mehr wird die Nachbarschafts-Debatte auch davon geprägt, dass Nachbarinnen und Nachbarn Menschen aus anderen Kulturen sein können.

Solche Diversität will gelebt sein, wenn Kulturen einander fremd sind. Vieles ist da schon geschehen, allein im Bahnhofsviertel: Mitten in unserem Gemeindegebiet wird sichtbar, wie sehr es gut gelebte Nachbarschaft gibt. Dabei ist wichtig, dass der Anspruch realistisch ist. Ein freundliches Nebeneinander ist besser als ein Miteinander, das an hohen Ansprüchen scheitert. 

“Wenn es möglich ist und soweit es an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden.” (Römer 12,18) Das ist so ein ehrliches Wort! Es ist nicht immer einfach und nicht immer einfach möglich, mit allen Menschen Frieden zu halten. Aber Paulus lässt gar nicht zu, dass das Schwarze Peter-Spiel aufkommt und dem Nachbarn die Schuld gegeben wird, wenn das Miteinander scheitert. Zuerst heißt die Prüfungsfrage: Ist das 

“soweit es an euch liegt” 

schon ausgelotet? Es gibt merkwürdig ängstliche, in sich verschlossene Menschen, die antworten nicht beim ersten Gruß. Es wäre nötig, sie persönlich anzusprechen: “Ich möchte mich Ihnen vorstellen, als ihr neuer Nachbar.” “Soweit es an euch liegt” fordert uns heraus, ideenreich und freundlich zu sein, geduldig und bereit, Fehlversuche gelassen zu nehmen und es immer und immer wieder zu versuchen. Und wenn es nicht geht? Dann ist freundliche Distanz besser als offener Streit. Ein Rückzug ist in einem Streit keine Niederlage, sondern eine souveräne Aktion des Selbsterhalts. Es braucht viele Versuche, immer wieder neu den Frieden zu leben, die Verschiedenheit zu achten und zu loben. Viel Geduld und Freude dabei wünscht

Ihr Pfarrer und Nachbar

Andreas Klein

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