Dank und Adieu

© Jutta Jekel
Veröffentlicht am Di., 3. Dez. 2019 12:25 Uhr
Aktuell

Im Februar 2020 werden es fast 10 Jahre sein, die ich in der  Hoffnungsgemeinde arbeiten durfte – ich habe diese Jahre als Geschenk und als Privileg empfunden. Hier, mitten im Herzen von Frankfurt Pfarrerin gewesen sein zu dürfen, war und ist eine besondere Aufgabe. Frankfurt ist eine säkulare Stadt, Kirchenmitgliedschaft und Gottesdienstbesuch alles andere als selbstverständlich. Frankfurt ist international, zumindest bei uns in der Innenstadt, und die zur Gemeinde gehörenden Stadtteile – Westend, Bahnhofsviertel, Gutleut mit Westhafen sind lebendig, in Veränderung begriffen und zeigen viel von den differenten Welten, die unsere schöne kleine Großstadt ausmachen. Hier wohnen, leben und arbeiten wunderbare Menschen, oft zugezogen, die den Reichtum ihrer differenten Herkünfte mit- und einbringen.

Ich habe es als großes Geschenk empfunden, vielen von Ihnen zu begegnen. Gerne habe ich mir Lebensgeschichten erzählen lassen. Ich durfte - dank Ihrer Offenheit - ganz viele und sehr verschiedene Welten kennen lernen. Sie haben mir Ihre Wohnungstüren geöffnet, nicht selten auch Ihre Herzen, haben von Freuden, Nöten und Sorgen berichtet. Das Vertrauen, das Sie mir entgegengebracht haben, ehrt mich – auch dafür sage ich ein herzliches Dankeschön.

In Gesprächen zur Vorbereitung von Beerdigungen haben wir Trauer und Verlust geteilt. Viele der Verstorbenen sind mir noch heute lebendig vor Augen genauso wie Sie, die trauernden Angehörigen, die den Abschied leben mussten und müssen. Da bleibt Verbindung über den Tag hinaus.

Auch jenseits von Tod und Sterben kann man in schwierige Lebenssituationen geraten – im „Netzwerk Seelsorge“ durfte ich mit Menschen ins Gespräch kommen, die nach Lösungen gesucht und sie auch oft gefunden haben. Zeit für solche Begegnungen gehabt zu haben, hat mir immer viel bedeutet.

Taufgespräche waren und sind oft sehr heiter und zukunftsorientiert – und doch stand auch hier manchmal die Sorge Mittelpunkt: in welcher Welt wird mein/ unser Kind groß werden? Woran kann es sich orientieren? Kann ich es gut genug begleiten? In diese Situation hinein den Segen Gottes  zusprechen zu dürfen, für den Täufling wie für die Familie, war für mich ein schönes Erlebnis.

Und wer hat schon das Privileg, Brautpaare bei dem Traugottesdienst von vorn in die strahlenden Gesichter schauen zu dürfen – die Pfarrerin. 

Wunderbare Konfirmanden und Konfirmandinnen durfte ich kennenlernen und begleiten. Ihr hat mir immer besondere Freude gemacht, Mädels und Jungs, danke für Vertrauen und Offenheit, die ihr mir entgegengebracht habt. Möge es gut werden, Euer Leben – das wünsche ich Euch von Herzen!   

Gottesdienste habe ich gerne gefeiert – mit Ihnen zusammen!  In verschiedenen Formen, an unterschiedlichen Orten –  getragen von der Gewissheit, dass wir uns in Klage und Freude an GOTT wenden dürfen – und er uns hört. Matthäuskirche, Gutleutkirche, dann Gemeindehaus Westhafen, Senioreneinrichtungen, Westhafentower, Bahnhof - an wie vielen Orten man zusammen kommen, beten und singen kann - auch das zeichnet die Hoffnungsgemeinde aus. Dank an unsere beiden wunderbaren Musiker, Jürgen Bahnholzer und Gerald Ssebudde, die unterschiedlicher nicht sein könnten und jeder auf seine Weise ausgezeichnet Musik im Gottesdienst machen. 

Die Hoffnungsgemeinde hat einen aktiven, diskussionsfreudigen  Kirchenvorstand, der in Ausschüssen für das Gemeindeleben Verantwortung übernimmt. Dank an alle Mitglieder, besonders aber an die ehemaligen oder amtierenden Vorsitzenden Horst Michaelis, Helmut Völkel und Friedhelm Kirmeier, die ihre Aufgabe zielorientiert und sachlich in die Hand genommen haben. Es war ein Vergnügen, mit Euch arbeiten zu dürfen.

Der KV hat 2010 mit großem Bedacht beide damals vakanten Pfarrstellen gemeinsam ausgeschrieben; in einer großen, eher zerrissenen und schwierigen Gemeinde erhoffte man sich durch Besetzung mit Personen, die einander kennen und miteinander arbeiten können, einen Gewinn für die Gemeindeentwicklung. 

Kollege Lars Kessner und ich hatten uns gemeinsam beworben und wurden gewählt. Im Mai 2010 wurden wir gemeinsam eingeführt. Diese Entscheidung war klug durchdacht, die Zusammenarbeit hat sich bewährt. Unterschiedlicher als wir beide konnte, glaube ich, kein Pfarrteam sein – produktiver als wir beide vielleicht aber auch nicht. Lars, an dieser Stelle ein großes Dankeschön für gute, ideenreiche, spritzige Zusammenarbeit. Die Veränderung in der Umgestaltung der Matthäuskirche haben wir gemeinsam angestoßen, den Ärger mancher darüber gemeinsam ertragen. Die Gutleutkirche würdig entwidmet. Hoffnungsgottesdienst, Abendgottesdienst – es hat uns gemeinsam Freude gemacht, das und vieles andere gemeinsam zu entwickeln.

„Matthäus macht Programm“ mit Predigtreihen und Diskussionsveranstaltungen  – und Resonanzkörperwerkstatt haben das Profil der Matthäuskirche weiter entwickelt – sie ist ein Ort lebendiger Begegnungen und Diskussionen geworden. Dank an Prof. Dr. Nethöfel und an Ottmar Gendera und alle anderen, die diese Projekte (mit)entwickelt haben.

Gastgemeinden sind nicht nur Fremde, sondern Freunde – und wir feiern gemeinsam Gottesdienste, treffen uns und lernen uns in unsrer bunten Verschiedenheit besser kennen - auch das ist ein Schritt, den wir in den letzten Jahren gegangen sind und der viel Freude macht.   

Für die Kindereinrichtungen haben wir neue Orte gefunden und mit Leben gefüllt. Der Westhafen war schon geplant, der Umzug war durch Bauschäden schwierig und langwierig. KiTa Gutleut und Weissfrauen mussten zusammenfinden, ein anstrengender Prozess. Für das Kinderhaus Matthäus konnten wir mit dem Verband gemeinsam einen guten Ort finden – der Abschied der Kinder aus der Matthäuskirche war für viele trotzdem mit Trauer verbunden. 

Dass kurz nach dem Umzug ein großer Wasserschaden den  begrenzten Rückumzug nötig machten, kann als Ironie des Schicksals gedeutet werden. Allen Mitarbeitenden und besonders den Leitungen der Einrichtungen, Frau Koch und Frau Vongries, sei an dieser Stelle herzlich für vertrauensvolle, zuverlässige Zusammenarbeit gedankt.  

Winterspeisung und Kaffeestube sind Aufgaben, die aus der Tradition der Gemeinde zu dieser gehören - eine wichtige Aufgabe, die zu den „ normalen“ gemeindlichen Aufgaben hinzukommt und auch im Pfarramt viel Kraft und Energie braucht. Der Umbau der Kaffeestube ist sehr gut gelungen, die soziale Arbeit der Gemeinde steht dank Ihrer Spendenbereitschaft auf sicheren Füßen. Danke dafür.

Gibt es eigentlich Dinge, für die Sie nicht danken möchten, mag manche/r von Ihnen vielleicht jetzt fragen?

Ja, ich hätte gerne weniger Verwaltungsaufgaben gehabt – eine große Gemeinde mit über 50 Mitarbeitenden verbraucht da viel, vielleicht zu viel Energie. Zum Glück hat uns Frau Buchholz im Büro den Rücken so weit wie möglich freigehalten - auch an sie ein Dankeschön für zuverlässige Zusammenarbeit. 

Ja, ein fest angestellter Kirchenmusiker, mit dem Planungen für gemeinsame Veranstaltungen nicht nur in dessen Freizeit möglich wären, wäre extrem hilfreich gewesen. Ja, die Entfernung zwischen Wiesbaden und Frankfurt ist dann doch weit, ich hätte oft gerne vor Ort gewohnt – aber nun wollte ich mich nicht räumlich von meinem Mann trennen, so war nach Frankfurt zu ziehen keine Möglichkeit. Dass ich das „Pfarrhaus vor Ort“ nicht leben konnte, tut mir leid: Dadurch wäre sicher mancher Alltagskontakt stärker möglich gewesen.  

Ja, ich hätte die „Neue Matthäuskirche“ gerne mit entwickelt, aber die Entwicklung hat so lange gedauert, dass dieses Projekt jetzt die Nachfolgenden in Angriff nehmen müssen und dürfen. Ich hoffe, dass ein wunderbarer, schöner Kirchort entsteht, an dem wir GOTT die Ehre geben können.  

Der Kirchenvorstand hat vor Jahren ein Motto formuliert, das die Identität der Gemeinde beschreibt:   

„Die Hoffnungsgemeinde ist eine einladende, gastfreundliche Gemeinde und  sucht den Dialog über die Grenzen hinweg. Das Gemeindegebiet erstreckt sich vom Westend über Gutleut- und Bahnhofsviertel bis zur Hafenstrasse und zum Europaviertel. Hier wohnen Menschen unterschiedlicher (Herkunft-) Milieus  und kultureller Prägungen. Wir ermöglichen Begegnungen über Grenzen hinweg, stellen unter den Bankentürmen Fragen an Kirche und Wirtschaft und machen mit Kunst und Kultur auf Spannungen im gesellschaftlichen Gefüge aufmerksam. Wir haben die Armen der Stadtgesellschaft im Blick.“

Für mich ist das eine würdige und zukunftsfähige Beschreibung von Kirche. Wenn die Gemeinde sich so weiterentwickelt und auch im neuen Kirchbau diese Dynamik im Blick hat, bleibt sie für die Stadtgesellschaft ein wertvoller Gesprächspartner.

Schließen möchte ich mit einem Zitat  aus dem ersten Petrusbrief. „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist …“  1. Petrus 3, 15 

Diese Hoffnung wünsche ich Ihnen und mir von Herzen. Mit dem neuen Pfarrteam Andreas Klein und Dr. Annegreth Schilling sind Sie sicher auf einem guten Weg. Ich freue mich auf mehr Privatleben und Reisen. Ihnen bleibe ich verbunden.

Mit Grüßen und guten Wünschen 

Ihre Pfarrerin Jutta Jekel 

Bildnachweise: