Kein schöner Land

© Andreas Klein
Veröffentlicht am Mo., 2. Dez. 2019 09:46 Uhr
Impuls

Unter den Schriftstellern der ehemaligen DDR war Christa Wolf (1929 – 2011)  eine der prominentesten. Diesseits wie jenseits der damaligen Grenze zwischen den beiden Deutschlands wurde sie gelesen. Das will etwas heißen. 

Nach der Wende, in den Jahren 1992/93, erhielt Christa Wolf ein Stipendium für die USA, und diese  Monate an den German Departments amerikanischer Universitäten wurden für sie zu einer krisenreichen 

Befragung des eigenen Lebens. Es waren nicht zuletzt die Begegnungen mit deutschen Emigranten, damals noch ein Rückgrat vieler germanistischer Departments an amerikanischer Universitäten, die Christa Wolf erkennen ließen, dass auch jemand, der in DDR geboren wurde und aufgewachsen ist, sich nicht aus der Verantwortung für die deutschen Geschichte entlassen kann.

Die Schriftstellerin geriet damals in eine tiefe psychische Krise und hat in einem ihrer letzten Bücher, in „Stadt der Engel“, diese Erfahrung zum Thema gemacht. Einer Depression ohne therapeutische Hilfe stand zu halten, ist schwer. Man kann es mit Medikamenten versuchen, mit Alkohol, und, wenn man die Kraft dazu hat, auch mit Gebeten. 

Christa Wolf  griff in einer besonders bitteren Nacht zu einem sehr ungewöhnlichen Mittel: Sie fing an zu singen. 

„Ich habe diese Nacht durchgesungen“, schreibt sie, „alle Lieder, die ich kannte, und ich kenne viele Lieder mit vielen Strophen. Zweimal trank ich noch einen Whiskey zwischendurch. Aber ich wurde nicht betrunken. Mehrmals klingelte das Telefon, ich wusste, wer da so inständig versuchte, mich zu erreichen, aber ich nahm nicht ab. Ich sang. An jenem Tag im blauen Mond September, ich sang Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt, ich sang Es leben die Soldaten so recht von Gottes Gnaden…

Ich sang Als wir jüngst in Regensburg waren, ich sang Am Brunnen vor dem Tore, ich sang Der Mond ist aufgegangen, ich sang Spaniens Himmel breitet seine Sterne … ich sang Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus, aber auch We shall overcome und Au clair de la lune. Ich sang Das Wandern ist des Müllers Lust und Großer Gott wir loben Dich und Steh`n zwei Stern am hohen Himmel und Guten Abend, gute Nacht und Kein schöner Land zu dieser Zeit … 

Ganze zwei Buchseiten füllt die Autorin allein mit Liedtiteln und bei der guten Textkenntnis der Sängerin hat dieser Liederschatz sicher bis zum Morgengrauen gereicht. 

Christa Wolf sang dabei nicht nur gegen die eigenen Ängste an. Sie sang auch an gegen die Bilder, die sie am Vormittag von einer Fahrt durch die Slums von Los Angeles mitgenommen hatte: Verwüstete Straßen, auf denen das Aussteigen lebensgefährlich war, Kinder, deren einziger Spielplatz der Müll ist, Obdachlose, die den Straßenrand säumen – von all dem beamte sie sich weg durch den Rückgriff auf den Liederschatz ihrer Kindheit und Jugend. 

Singen löst Verspannung, löst Ängste. Nicht, weil sie bearbeitet, sondern weil sie im Singen beatmet werden. 

Der frühe Morgen fand Christa Wolf dann schlafend, und wenig später saß sie mit frischen Kräften am Konferenztisch. Den Übergang hatte das Singen geschafft. Wir sollten uns viel öfter darauf besinnen. 

Gisela Brackert

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