Ein Lied hat Geburtstag

© Andreas Klein
Veröffentlicht am Mo., 2. Dez. 2019 09:34 Uhr
Impuls

Es war August 1989, viele erinnern sich noch, was damals los war. Es war die Zeit, in der die Lage in der DDR völlig unüberschaubar wurde. Im Juni 1989 hatten die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, auf einer Wiese im Grenzbereich ihrer Länder die Stacheldrähte mit Trennscheren durchschnitten. Der Eiserne Vorhang hatte ein Loch und viele nutzten die Sommerferien am Plattensee um „in den Westen zu machen“. 

Doch in jenem August 1989 heiratet in Eisenach auch die Patentochter von Klaus Peter Hertzsch. Er war praktischer Theologe in Jena, Professor und Dichter zugleich. Seine Balladen über Jona „der ganze Fisch war voll Gesang“ waren auch im Westen bekannt. Und er schrieb noch im Hotelzimmer für die Hochzeit seiner Patentochter ein Lied, auf die gut bekannte und leicht singbare Melodie „Lobt Gott getrost mit Singen“. 

Es waren einige Gäste aus dem Westen bei der Hochzeit eingeladen. Hertzschs Liedblatt Blatt verbreitete sich rasch – und fand schließlich sogar den Weg bis zur Gesangbuchkommission für das „Evangelische Gesangbuch“. Es wurde sogar das letzte Lied, das es in den Stammteil des „EG“ geschafft hat. Es atmet Wendegeist und Aufbruch, Mut und Zuversicht und müsste immer wieder neu gesungen werden: Gegen die Schlechtschwätzer, die alte und neue Unfreiheiten beschwören und die Mauer zurück haben wollen, weil sie noch in ihren Köpfen ist. Das Lied ist laut und fröhlich zu singen – nicht nur bei Hochzeiten!

EG 395 Vertraut den neuen Wegen

1. Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen,
weil Leben wandern heißt.

Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.

Unser Heftthema heißt „Übergänge“. Und das Lied aus der aufregenden Übergangszeit 1989, aus der Zeit der originalen Montagsdemos, ist selbst ein Übergang. Wir brauchen als Menschen nämlich Übergänge, über die wir gehen können. Kopf und Herz kommen in der Regel nicht mit, wenn etwas Knall auf Fall und „übergangslos“ von einem Stadium ins andere geht. Wir wundern uns heute, dass viele Menschen – trotz 

unglaublicher Fortschritte in ökonomischer, ökologischer und gesundheitlicher Hinsicht alte Zeiten beschwören und die offenen Grenzen lieber wieder schließen möchten für alle, die anders denken. Damit geben sie ja auch zu, dass sie sich selbst auch am liebsten wieder einschließen möchten. Die Wende ist 30 Jahre her. Braucht es wirklich mehr als eine 

Generation, bis Menschen im Neuen wirklich ankommen, ohne das Alte zu verklären und sich in eine Welt zu sehnen, die es nie gab? 

Das Lied von Klaus-Peter Hertzsch, das als Hochzeitslied für das Patenkind gar keine große Geschichte schreiben wollte, wirkt manchmal ein wenig zu 

optimistisch. Aber das stimmt auch wieder nicht. In der zweiten Strophe wird der Auftrag, der uns Christinnen und Christen gegeben ist, deutlich – ein Segen für die Erde zu sein. Das bedeutet auch immer wieder „Übergänge“ für die zu schaffen, die sich nicht trauen, über Gräben zu springen. Und die letzte Strophe macht deutlich, dass das gute Land keine Utopie der Selbstvorstellung ist, sondern die Zusage Gottes, der uns entgegenkommt.

Klaus-Peter Hertzsch starb im November 2015 im Alter von 85 Jahren. 

2. Vertraut den neuen Wegen
und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen
für seine Erde seid.

Der uns in frühen Zeiten
das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten,
wo er uns will und braucht.

3. Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land.

Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.

Das Thema der Übergänge beschäftigt uns als Gemeinde in diesen Tagen sehr. Unsere Kitas, das Kinderhaus Matthäus und die Kita am Westhafen gehen in die Trägerschaft des Diakonischen Werkes über. Und im Februar geht Pfarrerin Jutta Jekel nach einer segensreichen und aktiven Zeit in der Hoffnungsgemeinde in den Ruhestand. Im März wird auf der dann halben Pfarrstelle Pfarrerin Dr. Annegreth Schilling ihren Dienst beginnen. Auch die Verwandlung der Matthäuskirche in eine „neue Matthäuskirche“ wird ein Übergang, der uns lange beschäftigen wird.

Wir nehmen für uns alle diese Haltung aus dem Lied mit:

Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.

Ich grüße Sie sehr herzlich

Gottes Segen

Andreas Klein


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