Vom sorgfältigen Umgang mit den Sorgen

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Veröffentlicht von Andreas Klein am Mo., 30. Sep. 2019 07:46 Uhr
Impuls

Vom sorgfältigen Umgang mit den Sorgen

 

... im Grunde genommen ist in der Taufansprache eben alles schon zur Sprache gekommen. Diese Ermutigung aus der Bergpredigt, die Leichtigkeit der Vögel unter dem Himmel anzusehen: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

 

Wäre doch schön, wenn es so einfach wäre. Aber es geht es leider nicht.

 

1. Satz:  Angstfrei, sorgenfrei leben – was für eine Illusion!

 

 

In diesen Tagen ist es so, dass einige junge Leute wie Greta Thunberg und Luisa Neubauer allen Gedanken vom angstfreien und sorgenfreien Leben den Hahn abdrehen. Sie treten auf – so wie wir uns die sogenannten Unheilspropheten in der Geschichte Israels vorstellen müssen, die radikal das Ende verkündigt haben, weil es die Israeliten in ihrer ängstlichen Politik, die sich nach allen Seiten absichern wollte, um die Zukunft gebracht haben. Und deren Botschaft war auch nicht wohlfeil und abgewogen, war nicht ausgerichtet auf persönliche Work-Life-Balance und Ausgeglichenheit, sondern war die Ansage des Endes der Geschichte, wenn es denn nicht einen radikalen Wandel gibt. 

Und so ist der Ruf dieser jungen Generation. Sorgt euch – ändert euch radikal – sonst wird diese Welt die Menschheit entsorgen. Wir haben es nicht im Griff!

 

Aber es könnte einen zweiten Satz geben – darüber, was die Sorgen mit uns machen:

 

 

2. Satz:

Sorgen sind völlig sinnlos, sie helfen und nützen nichts.

 

Nun gilt der zweite Satz, ohne den ersten Satz einzuschränken. Es gibt nämlich eine Art von Sorgen, die macht mich komplett zum Opfer. Die lässt mich passiv werden, verwandeln mich zum Kaninchen vor der Schlange, das darum bettelt, bitte endlich gefressen zu werden.

 

Sie erkennen eine solche Art von Sorgen an Sätzen wie diesen: „Ach, weiß auch nicht, was ich auch tue ist falsch...“ Solche Sorgen machen mich nur wuschig, unruhig oder lähmen mich.

 

Eben im alten Lied haben wir es gesungen: „Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen.“ Es gibt diese Art von Sorgen, die mich nicht mutig, nicht aktiv macht, sondern hilflos. Und das kann es ja auch nicht sein!

 

Ich brauche eine Strategie aus dieser Situation.

 

3. Satz:

Manche Kalenderweisheiten sind manchmal gar nicht so schlecht.

 

Oder Witze. In Mailand fragt ein junger Mann mit einem weißen Seidenschal – offensichtlich ein Sänger eine alte Dame: „Entschuldigung, Signora – können Sie mir sagen, wie ich zur Scala komme – wie komme ich zum Opernhaus?“ – „Junger Mann, Sie müssen üben, üben, üben!“

 

Oder eben Kalenderweisheiten:

  • Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.
  • Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
  • Wie isst man einen Elefanten? Biss für Biss.

 

Wir brauchen solche Sätze, die uns die Leichtigkeit des Anfangs geben, denn wir geraten – wenn die Sorgen uns bestimmen immer in die „Ganzheitsfalle“ hinein. Und die heißt: Wenn nicht alle Menschen alles richtig machen, dann hilft es doch auch nicht, wenn ich es richtig mache.“ Oder. Wenn ich es nun versuche und scheitere, dann ist doch nichts gewonnen – dann lass ich es lieber“. 

 

Uns geht dann wie Fahrradfahrern, die mit dem allergrößten Gang am Berg anfahren wollen und es gelingt ihnen nicht – so viel Kraft können sie gar nicht aufbringen – wir brauchen, wenn wir anfangen wollen, einen leichteren Gang.

 

Die „Ganzheitsfalle“ zu benennen ist übrigens die Strategie der Gegner der Veränderung. Aber hier kann man wirklich Beweise der Wirksamkeit des Anfangs benennen. Das Ende der Sklaverei, die Einführung von Schutzimpfungen für Diphterie und Polio und TB, die Einführung des Katalysators. Es gab immer Gegner des kleinen Anfangs, die gesagt haben – na was bringt es denn, wenn nur wir es machen!?

 

Da helfen schon Kalenderweisheiten, um das zu entkräften.

 

 

4. Satz

Sorgen werden leichter, wenn ich erkenne, ich bin Teil einer sich ergänzenden Gemeinschaft.

 

Die Versammlung ist zu Ende und ein Haufen schmutzigen Geschirrs steht noch auf dem Tisch. Viele müssen zum Zug und gleich aufbrechen. Ich ahne schon, dass ich allein dastehe mit dem ganzen Zeug. 

Und da bleibt nur einer – oder noch eine dazu – da und sagt: Komm, das machen wir gerade noch gemeinsam. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wertvoll das ist. 

 

Es ist keine Kalenderweisheit, sondern ein Satz der gegenseitigen Entlastung und die biblische Begründung jeglichen Solidaritätsprinzips: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ 

 

Es hängt nicht an mir. Was für eine Stärkung, wenn eine oder ein anderer dazu kommt!

 

 

5. Satz

Wenn wir die Sorgen schon nicht wegkriegen, können wir sie wenigstens unterbrechen.

 

Wir hatten neulich einen Gemeindebrief zum Thema „Auszeit“ – diese kleine 1-minütige Pause, die ein Handball- oder Basketballteam nehmen kann, um aus dem eingeschliffenen Trott der misslingenden Spielzüge heraus zu kommen. Ruhe – ganz kurz nur – sich besinnen und verabreden, wie es weitergeht. 

 

Manche Sorgen können wir im Leben nicht wegkriegen, aber wir können sie unterbrechen mit Pausen, mit Kuchen und Schlagsahne, mit Meditation und Gebet. Es gibt auch unfreiwillige Auszeiten wie Stau, Krankheit und am Ende der Ruhestand, die uns aus dieser Illusion herausholen, dass ohne unser Zutun alles scheitert!

 

Es gibt diese äußeren Zeichen, die auf mein inneres Selbst wirken und mir zeigen – auf dich kommt es nicht an. 

 

Alle diese Pausen sind dem Sonntag nachempfunden, dem Schabbat, dem Ruhetag, in dem ohne unser Zutun die Schöpfung zum Ziel kommt. Das ist ein extremer Sorgenunterbrecher und gut, wenn wir ihn schützen!

 

 

6. Satz

Das biblische Angebot eines Deals! Variante 1

 

Der Wochenspruch für die nächste Woche ist der knappe kurze Predigttext:

 

Alle eure Sorgen werft auf ihn – er sorgt für euch. 

 

Dieser Satz aus dem 1. Petrusbrief hat die Gestalt eines „Deals“ eines Handels. Das klingt etwas merkwürdig, wenn es doch am Ende um Beziehung und Glaube und Vertrauen geht – kann man das in solchen Kategorien überhaupt fassen?

 

Man kann es sogar noch drastischer zum Ausdruck bringen. Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal hat dieses Angebot mit einer Wette verglichen, mit einem Spieleinsatz – wie im Casino!

 

 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Es „muss gewettet werden, das ist nicht freiwillig, ihr seid einmal im Spiel und nicht wetten, dass Gott ist, heißt wetten, dass er nicht ist. Was wollt ihr also wählen?“ – „Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“

 

Um es eine Spur einfacher zu sagen: Man kann diese Option des Vertrauens nicht theoretisch erproben, man muss es wagen, Erfahrungen damit machen.

 

Gott die Sorgen anvertrauen und zu schauen, ob es stimmt, wenn er sagt: „Ich sorge für dich!“

 

 

7. Satz

Das biblische Angebot eines Deals! Variante 2

 

Es gibt diesen Satz auch in einer anderen Variante – in Matthäus 6 und da sind wir beim Taufspruch für das Taufkind von heute.

 

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen.

 

Dieser Satz fordert uns auf, die Ausrichtung unserer Sorgen zu verändern. Weg von der eigenen Wohlbefindlichkeit zum Wohl dieser Welt, zum Wachsen des Reiches Gottes, seiner Liebe und Menschenfreundlichkeit. Da gibt es Menschen, die sorgen sich nicht mehr sehr um sich selbst, sondern haben einen Sinn gefunden in der karitativen Arbeit, im Mitarbeiten im Verein, der Kirchengemeinde, im Engagement einer Friedensgruppe – im Kämpfen, Beten und Arbeiten für die Bewahrung der Schöpfung. 

 

Und nun gewinnt dieser Deal, dieser vorgeschlagene Handel wirklich noch eine andere Ausrichtung: Wer sich nicht um sich selbst müht, erkennt einen anderen Sinn, findet übrigens auch Weggefährten und Freunde und erfährt zu gegebener Zeit Hilfe und Unterstützung.

Und dessen Blickwinkel wird sich ändern:  „Er oder sie setzt das Weitwinkelobjektiv auf die Kamera und sieht mehr.“

 

7 Sätze zum sorgfältigen Umgang mit den Sorgen und am Ende ist es wichtig zu sagen: Wir können leichter positiv glauben als negativ. „Keine Sorgen“ werden wir nicht haben, aber vielleicht mehr Vertrauen?

 

Amen.

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