Auszeit

© Andreas Klein
Veröffentlicht am Mi., 1. Mai. 2019 12:30 Uhr
Impuls

Die Uhr mit der Leuchtzahlen in der großen Handballarena beim Viertelfinale der Weltmeisterschaft zeigt es an: Nur noch 45 Sekunden. Die gegnerische Mannschaft führt mit einem Tor Vorsprung, ist aber nicht im Ballbesitz. Ein einziges Tor müsste fallen, dann ginge es in die Verlängerung. Der Trainer signalisiert beim Zeitschiedsrichter am Spielfeldrand „Auszeit“. Die Zeit wird angehalten, das Spiel unterbrochen. Jetzt haben beide Mannschaften jeweils eine Minute Zeit, stellen sich eng zusammen und beraten. Die Taktik wird besprochen, wie lange der Ball zu halten ist, welcher Spielzug von außen auf den Kreisläufer gewählt wird, damit der an einen Angreifer passen kann und wenn der trifft, dann …

Auszeit, diese Spielunterbrechung, die es bei vielen Ballspielen gibt, ist ein Sinnbild für den nötigen Stopp, den wir im Leben immer wieder einlegen, um nicht blind und ungesteuert durch krisenhafte Zeiten zu stolpern. Das englische Wort für Auszeit ist Time-Out und die Trainer signalisieren durch ein „T“, das sie mit beiden Händen bilden, dass jetzt „Auszeit“ ist. 

Da stellt sich ja die Frage, bei wem wir „Auszeit“ einlegen könnten, wenn wir es brauchen. Denn man kann sich genügend Situationen vorstellen, in denen das nötig wird:

  • Das liebe süße Kind wird über Nacht ein Teenager und plötzlich ist das Leben auf Krawall gebürstet. Der Schulrucksack fliegt grußlos in die Ecke: „Nein!“, „Keine Lust“ und „Du kannst mich mal“ werden gängige Vokabeln im Familienleben und Eltern fragen sich, was sie eigentlich falsch gemacht haben.
  • Der Konflikt im Team einer Firma hat langsam angefangen. Immer, wenn diese Kollegin was sagt, rollen andere mit den Augen und holen tief Luft. Zu lange schon ließ man diese Situation laufen, die alle ätzend finden.
  • Ein Mann in den besten Jahren findet, dass er irgendwie kurzatmig geworden ist. Der Stress nimmt zu und die Lebenskraft unmerklich ab. Bei einer Routineuntersuchung sind einige der Blutwerte nicht in Ordnung und der Arzt sagt: „Sie sollten mal ein Langzeit-EKG“ machen. „Wie bitte, ich?“

 

Das letzte Beispiel deutet daraufhin, dass die meisten Menschen Auszeiten nicht freiwillig eingehen, sondern hoffen, dass es auch ohne solche Unterbrechungen reibungslos durchläuft. Aber dann kommt Streit in die Familien oder Teams, dann kommt Krankheit oder sogar die große „Auszeit“ ins Leben und ein lieber Mensch stirbt. Jetzt ist alles anders. 

 

Nun gibt es Auszeitagenturen, die helfen, das Ganze vorher schon anzugehen. Es gibt Restaurants und Kosmetiksalons, die sich „Auszeit“ nennen und für wenig Geld die lebensförderliche Unterbrechung versprechen. Es gibt Firmen, die unterstützen ausdrücklich Sabbatical-Regelungen, weil sie wissen, dass kranke Mitarbeitende nur noch teurer sind und dass gute Ideen für die Weiterentwicklung der Firma oft aus solchen Zeiten kommen, in denen nicht alles auf „immer weiter so“ geeicht ist. 

 

Für sich selbst muss man es nur wollen. Und das ist das Thema. Im Neuen Testament lädt Jesus zur Auszeit ein:  »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen. (Matthäus 11,28). Bei Luther hieß das: Ich will euch „erquicken“, dahinter steckt das griechische Wort „anapauso“, in dem gut sichtbar die Wurzel erkennbar wird, die auch in unserem Wort „Pause“ steckt.

 

Auszeit heißt also nichts anderes als „Pause“. Gerne auch „Brotzeit“, Nahrung für Leib und Seele: Einsicht, dass bestimmte Gedanken frei haben: „Was hat der nun schon wieder über mich gedacht?“ Oder: „Das war nicht gut genug.“ Andere Gedanken ziehen ein: „Für heute schon was geschafft.“ oder „Das war gar nicht so schlecht!“ 

 

Dabei weiß ich genau: Der Mensch, der am stärksten verhindert, dass ich zur Ruhe komme, bin immer ich selbst. Ich muss, aber ich darf die Einladung zu Pause und „Erquickung“ auch gerne annehmen.

 

Ich wünsche Ihnen gute Auszeiterfahrungen!

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